Vom Aufgeben

Aufgeben. Was für ein schönes Wort. Zuckersüß wäre wahrscheinlich die beste Umschreibung. Wenn man sich dieses Wort mal ganz langsam auf der Zunge zergehen lässt…. A U F . . . G E B E N. Hat ja auch was mit loslassen, aufhören, nichts mehr damit zu tun haben wollen oder auch Stressabbau zu tun. Wenn man einmal im Duden nachschlägt findet man folgendes: mit etwas aufhören; sich von etwas trennen; auf etwas verzichten; als verloren oder tot ansehen; keine Hoffnung mehr auf jemanden oder etwas setzen; nicht weitermachen; ein Spiel oder Wettkampf vorzeitig abbrechen. Interessant finde ich „als verloren oder tot ansehen“. Wie auch immer es genutzt wird. Was passiert denn danach? Trauer, Erleichterung, Erholung… Freude oder Hoffnung vermisse ich hier, diese werden wahrscheinlich erst wieder nach einiger Zeit einsetzen, nachdem man aufgegeben hat.

Warum schreibe ich das überhaupt? Vor kurzem war ich soweit das ich genau an dieser Grenze stand. Als ich vor unserem Umzug über die Bibelschule nachdachte, wusste ich zwar schon das hier viel gelesen, manches auswendig gelernt und anderes ausgearbeitet werden muss und dass nebenher, also nicht im Unterricht. Auch die Studieraufgaben fallen in diese freie Zeit. Was ich aber nicht wusste und auch nicht bedachte, war das man auch sonst noch viel, extreme geistige Arbeit leistet. In meinem Fall ist dies das Aufarbeiten verschiedener Lebenssituationen in denen ich Leid, Trauer, Verletzung oder auch nur schlechte Erfahrungen gemacht habe und diese dann „ganz nebenbei“ mit aufarbeite. Das Ganze hat so gesehen nichts mit der Schule zu tun. Und es ist ja, ich halte es auch für gut, wenn man an Dinge rangeht, die einen bewusst oder auch unbewusst belasten.

In meinem Leben ist einiges schief gegangen und auch Leid und Trauer habe ich viel erfahren und nie richtig verarbeitet. Bei mir war es mehr verdrängt oder unter den Teppich gekehrt und all das holt Gott jetzt nach und nach hoch und setzt seinen Finger in die offene Wunde und fast kann man ihn ganz sanft sagen hören: „Hier müssen wir aber nochmal ran“. Plötzlich findest du dich in deiner Vergangenheit und denkst darüber nach warum du dieses und jenes so oder so getan hast. Den Tod meiner Mutter, der jetzt 19 Jahre zurück liegt, habe ich auch nie richtig verarbeitet. Genau das holt Gott jetzt hoch und sagt mir, dass da noch Trauer, Wut und Angst in mir sind. Und er ermutigt mich es bei ihm zu lassen. Dort ist es besser aufgehoben.

Wenn ich aber in so einem Prozess drinstecke, wie soll ich denn da noch nebenher ein Buch lesen? Oder Bibelverse auswendig lernen? Oder mich mit verheulten Augen mit den anderen zusammensetzen, da würde ich ja zugeben das ich Schwäche besitze, – ZACK wieder ein Punkt. Warum sollte man keine Schwächen haben dürfen, was drückt da durch? Stolz oder Angst? Fragen über Fragen. In diesem Moment habe ich mir ganz kurz Gedanken darüber gemacht, wie wäre es, wenn ich nicht hier auf der Bibelschule wäre. Würde ich auch über das Ganze nachdenken? Nein, würde ich wahrscheinlich nicht. Da gäbe es auch keine Bibelverse oder sonstige Studieraufgaben. Der Gedanke war geboren – AUFGEBEN – Bibelschule abbrechen, Zelte abbrechen, wieder zurück nach Balingen, bei meinem letzten Arbeitgeber finde ich bestimmt schnell wieder einen Job. Ja, aufgeben ist das richtige. Boah wie süß dieser Gedanke war. Tagelang habe ich mich zurückgezogen, von der Gemeinschaft und von Angi. Mit meinem neuen Aufbruchsgedanken habe ich sie auch noch versucht anzustecken. „Komm schon was bringt es denn hier zu sein? Der ganze Stress könnte jetzt aufhören, wenn wir uns entscheiden die Schule abzubrechen.“ Am nächsten Tag habe ich mich krank gemeldet und wollte einfach mal meine Ruhe. Ja mit Filmen oder Dokus kann man sich in eine andere Welt beamen, doch wenn der Film oder die Doku vorbei ist, kommt man ganz schnell wieder hier an und die Gedanken drehen sich wieder. Aber Gott gibt einen ja nicht auf nur weil man gerade mal einen Film anguckt, sich ausklinkt und rum bockt. Wenn man dann mal wieder bei sich ist, greift er ein und fragt dich einfach aus dem nichts wie dass den nun war die letzten Male als du aufgegeben hast. Ob dich dies voran gebracht hat oder ob du enttäuscht warst. Er fordert dich auf nachzudenken und dich zu reflektieren.

Dann steht man da und geht die Situationen durch. Zuerst eingefallen ist mir die Fußballmannschaft meiner Jugend. Sportlich war ich ja sowieso nicht und die anderen waren ja eh besser. Das ewige auf der Ersatzbank rumsitzen war dann auch nicht das Beste. Klar ist natürlich, dass der Trainer schuld war, ist ja logisch. Was habe ich noch aufgegeben. Verschiedene Sprachen wollte ich lernen und hab auch angefangen, jedoch kam mir meine Faulheit dazwischen, wirklich lernen wollte ich nicht, eigentlich sollte mir alles zufliegen. Verschiedene Jobs hab ich einfach aufgegeben. Desto öfter man aufgibt, desto leichter fällt es mit der Zeit.

Heute muss ich mir eingestehen, dass ich im Aufgeben echt gut war über die Jahrzehnte. Was aber wirklich zählt ist etwas zu vollenden, auch wenn es weh tut oder nicht einfach ist. Auch wenn Tränen oder Ängste oder Faulheit dich daran hindern wollen. Es war einfach mal dran NEIN zu sagen. Nein ich werde nicht aufgeben. Ich will JA zur Freiheit sagen und werde durch meine Vergangenheit gehen und alles was noch nicht aufgearbeitet ist weiter aufarbeiten. Ja, ich will Trauer, Wut und Angst verarbeiten. Ja, ich will weiter meinen Weg mit Gott gehen und weiterhin nebenher Bibelverse lernen und Studieraufgaben bearbeiten.

Ich möchte mich endlich frei fühlen, von aller alten Last befreit, die nie aufgearbeitet wurde und mir jetzt so zusetzt.

So steht nun fest in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasst euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft spannen! Gal. 5,1

Mein Joch der Knechtschaft, das Aufgeben, ist die Trauer, die Wut, der Selbstzweifel, der Zorn und Egoismus.